Thomas Hoor

Kunst der Augenblicksmenschenbildnerei

Wolfgang Hermann

      Thomas Hoors Bilder sind Augenblicksaufnahmen. Doch die Zeit kommt in ihnen nicht zur Ruhe, nichts an ihnen ist Stillstand. Sie zeigen Ausschnitte aus der vergehenden Zeit, die übrigens meist zu Ungunsten der dargestellten Personen vergeht. Das Personal dieser Bilder steht auf einem Boden, von dem nicht sicher ist, ob er trägt. Und weil die Personen von dieser Unsicherheit infiziert sind, zeigen sie Blessuren und Verletzlichkeit. Aber vor allem zeigen sie, daß sie kaum die Kraft haben zu existieren. Sie zeigen es in Gesten unfreiwilliger Komik. Doch der Maler verrät seine Kinder niemals. Er zeigt für jedes von ihnen Einfühlung, gibt jedem seinen Ort im Bild, auch wenn dieser Ort nur die Breite eines Schuhs bedeutet.

      „Warten auf das Rendezvous“ zeigt einen Jüngling liegend, den Kopf auf die Innenfläche der Hand gestützt, die Jacke griffbereit. Das Gesicht ausdruckslos, die Augen ins Leere gerichtet, die Haare über der Stirn mit Gel aufgestellt. Das Bild tritt zurück, indem es einen gewöhn-lichen Vorgang mit knappsten Mitteln zeigt, gibt den Raum des Wartens frei, der Unruhe, derHoffnung. Der Betrachter spürt diesen langen Augenblick in sich selbst. Manche seiner Figuren behandelt Thomas Hoor großzügig. Er gibt ihnen weiche Züge, zeigt sie in einem vorteilhaften Licht. Er läßt sie in ihrer Welt bestehen. Überscharf leuchtet er die Szene aus. Er gönnt seinen Figuren die Ruhe eines langen Augenblicks.Andere zeigt er in ihrer ganzen Gefährdung. Kaum bestehen sie gegen einen übermächtigen Hintergrund.
      „Management“ zeigt einen Mann im Anzug bis zu den Knien in rotem Schlamm. Das Gesicht aufgelöst in eine Fläche, ein Schemen, der es schwer hat. Sein Gesicht hat er unterwegs irgendwo verloren. 
       „Schwächeanfall“ hieß ursprünglich „Kurator und Assistentin“. Ein älterer Mann stützt sich schräg auf einen Stuhl. Eine junge blonde Frau kommt ihm zu Hilfe. Ihren Gesichtsausdruck muß man gesehen haben, beschreiben kann man ihn nicht. Die schwachen Hände des Mannes, sein ausdrucksloses Gesicht vor schemenhaftem Hintergrund. Das Gesicht der Assistentin muß das alles auffangen, wobei es zeichentrickhafte Züge annimmt. Es gibt bei Thomas Hoor zartkomische Bilder wie      
       „Der Literaturfan“, das eine wenig bekleidete junge Frau neben einem Baum zeigt, ein Buch in der Hand, den Blick verstohlen seitwärts gerichtet. Die junge Frau scheint in der Liebe zur Literatur sehr weit zu gehen. 
      „Rettet die Lobau“ zeigt eine junge Frau von hinten, ihre Hände auf ihren nackten Hintern gestützt. Die Rettung des sie umgebenden Grün scheint sie mit ganzem Körpereinsatz zu betreiben. 
       „Herr Rüdisser bricht aus“ zeigt einen Mann im blauen Schlafanzug, der auf einen Liftknopf drückt. Drei Gurte halten Herrn Rüdisser an seinem Krankenbett fest, das er vertikal mit sich herumträgt. Auch Herr Rüdisser setzt seinen ganzen Körper ein, um sein Ziel zu erreichen.
      „There Is So Much Pain In The Kindergarden“ zeigt einen Jungen, der seine Hände weinend vor sein Gesicht presst, zu beiden Seiten je der Kopf eines Mädchens, körperlos. Bezieht sich der Schmerz des Jungen auf die beiden Mädchen, die beide ernst, aber unbeteiligt vor sich hinsehen? Die beiden scheinen nicht ins Reich des Schmerzes zu gehören. Der weiße Hintergrund läßt die Welt im Schmerz verschwinden.
       „Camping auf Rockkonzert“: im Hintergrund ein Zelt, Schemen von geparkten Wagen. Eine junge Frau auf einer Luftmatratze, neben ihr ein junger Mann. Beide führen eine Hand zum Mund, es ist nicht erkennbar, was sie zu sich nehmen. Vor der jungen Frau der Umriss einer Flasche. Eine Atmosphäre der Ratlosigkeit liegt über den beiden, Warten, endloses Warten als Stigma der Jugend. Die Umrisse sehr präzise ausgeführt, bleibt doch das Bild nur angedeutet, in seiner Schwebe ist es ein Seelengemälde, ein Sittenbild der Ratlosigkeit. Dagegen die Komik in Bildern wie „Drei Pilze und ein Hund“, „Elch“ und „Bär“.
       In „Vater-Tochter-Gespräch“ stehen sich ein korpulenter Mann und seine Tochter gegenüber. Der Vater hält einen geöffneten orangen Sonnenschirm in der Hand, im Hintergrund ein Wald, über den zwei mächtige Pappeln (oder Zypressen) ragen und so den Blick in die Ferne ziehen. Ist es der vorgewölbte Bauch des Vaters, die Silhouette seines Gesichts, ist es die hellblaue Handtasche der Tochter, oder ist es einfach nur der kleine orange Sonnenschirm, den der dicke Mann rührend über seinen Kopf hält, der die Komik dieses Bildes ausmacht? 

       Thomas Hoor ist ein feiner Humor eigen, ein Schmunzeln über das Sosein der Welt, ohne in den Lauf der Dinge eingreifen zu wollen. Eine weise Kunst. Auch eine harte Kunst, etwa im Bild  „Sauerstoff“, in den RAF-Totenbildern „Baader“ oder in „Ensslin“. Übermütig etwa das Bild „Blind One On The Beach“, und doch sehr klar und illusionslos: Das blinde Mädchen im Bikini läßt er diesen Satz in einer Sprechblase sprechen:„Viele psychisch Kranke tun so, als wäre ihre Krankheit eine Gabe, als wüssten sie etwas, was alle anderen nicht wissen“. 
       Thomas Hoor gibt nicht vor, mehr zu wissen als andere. Er erzählt Microgeschichten, Geschichten vom Leichtsein, vom Schwersein, vom Leiden und vom Übermut. „Ich muß schreiben“ zeigt einen jungen Mann, der einen Schreibtisch auf seinem Rücken durch eine Großstadtnacht trägt. Die Nacht ergreift Besitz von seinem Gesicht, schon ist die Hälfte nachtschwarz. Das rote Shirt diffundiert in den Tisch hinein. Nichts kann diesen jungen Mann aufhalten, auch nicht die bedrohlich leuchtenden Fenster der uniformen Stadt. „Batman rettet Anne Sophie Mutter“, die bewußtlos in seinen Armen liegt. In der herabhängenden Hand ihre Violine. „Politische“ ist nur ein Schritt, Hand in der Hosentasche, gelbes Haar, schwarzes Shirt, aber der Blick ist es, der alles sagt. Der Blick und der Mund, die Härte des Widerstands im Gesicht dieser jungen Frau. Ein paar Pinselstriche, und es ist alles gesagt. Präziser kann man diese Frau nicht treffen. „Lunas Taufe“ ist dagegen ein Bild der Weichheit, der Versöhnung. Eine kleine Gruppe am See, Mutter und Töchter, im Hintergrund die Bergzeile. Am Bildrand, halb abgeschnitten ein junges Mädchen, wie zufällig ins Bild geraten. Das schöne Mädchen im weißen Kleid hebt grazil den Arm, sie ist eine klassische Schönheit, Erinnerung an Pallas Athene. Ein solcher Ausflug ins Reich des Schönen ist einzigartig im Werk von Thomas Hoor. Das Mädchen strahlt in seiner Schönheit, hinter ihr der tiefblaue See. Schräg vor ihr, mit Blick übern See, die Mutter mit ihrem Jüngsten im Arm. Ein Bild des Friedens, der Versöhnung. Ein Bild vom weiteren Atem. Ein Ausblick auf eine andere Seite von Thomas Hoors Kunst der Augenblicksmenschenbildnerei.

Wolfgang Hermann ist Schriftsteller und Autor
www.wolfganghermann.at

Text zum Katalog "Ist und Sind", 2007






Warten auf das Rendezvous
200




Management






Schwächeanfall - Kurator und Assistentin


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